Pro und Kontra: Ist Reiten bei Olympia Tierquälerei?

Veröffentlicht am: 05.08.2021|Kategorien: Tieren helfen|14.4 Minuten Lesezeit|

Die Kommentare überschlugen sich auf Social Media als das Pferd “Jet Set” des Schweizers Robin Godel wegen eines Bänderrisses eingeschläfert wurde. Dadurch rückt der eh schon umstrittene Reitsport bei Olympia erneut in schlechtes Licht. Dies betrifft auch den Dressursport, dem vorgeworfen wird, er unterwerfe die Pferde gegen ihren Willen. Aber stimmt das? Wir klären für Dich in diesem Blogartikel, was die gängigen Argumente der Diskussion sind und ob der Reitsport bei Olympia Tierquälerei bedeutet.

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Wie geht es den Pferden beim Springreiten?

Eine Person reitet auf einem Pfeird beim Springreiten

Der Comedian und Schauspieler Aurel Mertz hat sich mit seinen kritischen Tweets zum Reiten einige Feinde gemacht. Aurel schrieb zum Vorfall des eingeschläferten Pferdes “Jet Set” unter anderem: “Die Pferde lieben es, wegen eines Bänderrisses bei Olympia eingeschläfert zu werden. Das sind alles Sachen, die sie in der Natur auch machen.” Er wirft dem olympischen Reitsport vor, dass es keine Überraschung sei, wenn ein 80kg schwerer Mann mit seinem Pferd über ein 1,60m Hindernis springt und sich das Pferd dann verletzt. Auf die Verletzung folgt unweigerlich das Einschläfern. Eine Heilung ist nicht möglich, da das Pferd dafür das Bein mehrere Wochen ruhig halten müsste – eine enorme Stresssituation und daher undenkbar für ein Fluchttier. Eine für den Menschen so leicht zu kurierende Verletzung wie ein Bänderriss bedeutet für ein Pferd den Tod.

Insbesondere in der Vergangenheit wurden für Pferde sehr schmerzhaft Methoden angewandt, um ihre Sprungkraft zu steigern. Eine dieser Methoden ist das “Blistern”. Hierbei wird die Haut über dem Huf des Pferdes mit einer Substanz eingerieben, die zu einer Entzündung führt und die Haut schmerzempfindlicher macht. Wenn das Pferd nun eine Stange berührt, ist diese noch schmerzhafter. Mit dem Auslösen von Schmerzen wird auch beim “passiven Barren” gearbeitet. Hierbei liegt eine dünne Metallstange auf der obersten Stange des Sprungs, die das Pferdeauge kaum wahrnimmt. Springt es dagegen, lernt es auf schmerzhafte Weise, Hindernisse höher einzuschätzen, als sie eigentlich sind. Diese Methoden werden von der Reiterlichen Vereinigung (FN) aber verboten und sollen offiziell nicht mehr angewendet werden. Ob sie nicht doch noch heimlich eingesetzt werden, kann natürlich nicht ausgeschlossen werden.

Aber ist (Spring- bzw. Vielseitigkeits) Reiten bei Olympia Tierquälerei für die Pferde? Hier haben wir Dir die gängigsten Argumente gegenübergestellt:

Einige Pferde haben Spaß am Springen. Dies liegt auch daran, dass sie extra dafür gezüchtet werden.
Springreiten kann eine gute gymnastische Übung sein, da Muskelgruppen trainiert werden, die das Pferd sonst nicht so häufig benutzt.

Spitzen-Springpferde können ein langes glückliches Leben haben, wie z.B. das Pferd Halla (mehrfache Weltmeisterin und Olympiasiegerin). Es erreichte das hohe Pferdealter von 34 Jahren.

Pferde springen in der Wildbahn zwar über kleine Hindernisse, würden solch hohen Hindernissen, wie sie im Turnier vorkommen aber ausweichen und nicht drüber springen.

Die hohen Sprünge sind sehr schlecht für die Gesundheit der Pferde, insbesondere die Gelenke und Bänder. Bei einem Bänderriss muss das Tier sofort eingeschläfert werden, um es von seinen Qualen zu erlösen (siehe der Fall von “Jet Set”).

Fazit zum Spring- und Vielseitigkeitsreiten bei Olympia

Abseits der Frage, ob Reiten grundsätzlich Tierquälerei ist, zeichnet sich beim Springreiten doch ein recht klares Bild ab. Viele Reiter:innen sehen im Springreiten Vorteile für die Gymnastik und den Spaß des Pferdes. Sie schließen sich aber Kritiker:innen an, das Hindernisse ab einer gewissen Höhe für die Gesundheit der Pferde nicht mehr vertretbar sind.

Was macht Dressurreiten mit den Pferden?

Eine Person reitet Dressur in einem Tunier.

Bei den Olympischen Spielen in Tokio gingen alle drei Medaillen im Dressur-Einzel an Deutschland. Der Sport Kommentator Carsten Sostmeier schwärmt während der Kür von den Leistungen von Pferd und Reiterin. Aber auf die Glückwünsche folgte auf Social Media auch Kritik. Ist es gesund für die Pferde, sich so zu bewegen? Wie erreicht man überhaupt dieses Niveau und haben die Pferde Spaß an dem Training?

Dressurreiten gilt seit Beginn des 20. Jahrhunderts als sportliche Disziplin. Innerhalb der letzten 100 Jahre wurden hier wie beim Springreiten einige höchst umstrittene Methoden angewandt, die mittlerweile verboten sind. Allerdings sind diese Verbote noch relativ jung. Die sogenannte “Rollkur” ist erst seit 2010 verboten. Dabei wird der Kopf des Pferdes mit Hilfe der Zügel bis an die Brust gezogen. Dadurch ließe sich besser auf das Pferd eingehen und die Beweglichkeit verbessern. Studien kamen aber zu dem Ergebnis, dass diese Überdehnung nach kurzer Zeit enormen Stress bei den Tieren auslöst und zu Schädigungen an der Halswirbelsäule führt. Die internationale reiterliche Vereinigung (FEI) entschied (nachdem sie 2006 die Rollkur noch befürwortet hatte) erst 2010, dass die Rollkur auf allen internationalen Turnierplätzen verboten wird. Allerdings ist das sogenannte Low-Deep-Round” (LDR = Überzäumen des Pferdes) weiterhin gängige Praxis auf großen Turnieren und für 10 Minuten erlaubt. 

Ist der Profi-Dressursport also auch heute noch Tierquälerei? Hier findest Du die gängigsten Argumente:

Dressur ist mehr als ein “Abrichten” des Pferdes und funktioniert auch ohne Zügel, wie es die Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl auf ihrem Instagram-Kanal vormacht.

Die Dressurbewegungen lassen sich auch in freier Wildbahn beobachten, z.B. eine Passage bei Hengsten, wenn sie Rangkämpfe austragen.

Dressurpferden im Spitzensport ergeht es teilweise besser als in Freizeitställen, wo die Pferde mit Reitanfänger:innen zu tun haben, die falsche Hilfen gehen und den Tieren einiges an Geduld und Schmerzen abverlangen.

Die Pferde sind unter ständiger medizinischer Beobachtung, so wird z.B. das Maul auf Gewalteinwirkung kontrolliert. Bei den Olympischen Spielen 2020 durfte ein Pferd nicht antreten, da Blut in seinem Maul zu sehen war. Es hatte sich auf die Zunge gebissen. Eine harmlose Verletzung, die jedoch durch strenge Regelungen sofort zum Ausschluss führte.

Wenn man Pferdedressur kritisiert, muss man auch bei anderen Tieren, wie z.B. Hunden anfangen. Sie wurden schließlich erst durch den Menschen zu dem besten Freund dressiert, der sie heute sein sollen.

Man kann den Pferden bei feinen Reiter:innen ansehen, dass sie während des Dressurreitens entspannt sind. Das machte sich insbesondere bei der Olympiasiegerin Bredow-Werndl bemerkbar.

Einzelfälle von Tierquälerei repräsentieren nicht den Dressursport, da für den Großteil der Reiter-Community das Wohl der Tiere an erster Stelle steht.

Die Reglementierungen im Spitzensport sind weiterhin zu gering und erlauben ungesunde Überdehnungen des Halses wie die Enthüllungen beim CHIO in Aachen 2018 von Quarks zeigen.

10 Minuten LDR (mildere Form der Rollkur) sind Tierquälerei. Dieser Zeitraum ist so gewählt, dass er für das Pferd keine gesundheitlichen Langzeitauswirkungen hat. Es bedeutet aber trotzdem 10 Minuten erschwerte Atmung, Bewegungseinschränkung und Kontrollverlust für das Pferd.

Die Bewegungen in der Kür gehen weit über die natürlichen Bewegungen in der Wildnis hinaus und bedeuten für das Pferd pure Unterwerfung.

Es gibt zu viele Einzelfälle, bei denen Tiere gequält wurden, wie z.B. im Falldes legendären Rekordhalters Totilas, der mit einem Knochenödem bei einem Turnier antrat.

Fazit zum Dressurreiten bei Olympia

Im Gegensatz zum Springreiten scheinen die Fronten im professionellen Dressurreiten deutlich verhärteter zu sein. Befürworter:innen werfen Kritiker:innen häufig vor, nicht ausreichend über das Thema informiert zu sein und die Beziehung zwischen Pferd und Reiter:in nicht nachvollziehen zu können. Hier gibt es sicherlich auch einige Vorzeigebeispiele für ein besonders harmonisches Verhältnis. Auf der anderen Seite besteht bei den Regularien für den Dressursport weiterhin noch viel Luft nach oben und so kommt es immer wieder vor, dass Pferde viel zu eng geritten und somit “gequält” werden. Ob Reiten bei Olympia Tierquälerei bedeutet, ist also nach wie vor umstritten und wird sehr emotional diskutiert.

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